Mich oder mir? / Accusitive or Dative
Aufgrund meiner süddeutschen Herkunft bin ich hinsichtlich meines Sprachgefühls zutiefst verunsichert. Meine Kindheit in einem „Ländle“, in dem es „Die Frau, die wo neben mir wohnt“ oder schlichter „Die Frau, wo neben mir wohnt.“ heißt, in dem „der Butter“ auf dem Frühstückstisch steht und man „gesessen ist“, hat es mir zur Gewohnheit gemacht, den eigenen Sprachgebrauch stets kritisch zu hinterfragen („Sagt man das wirklich so?“) und Rat („Entschuldigung, sagt man das wirklich so?“) bei meinen nicht-süddeutschen Kollegen zu holen.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich den Fehler zunächst mal bei mir suche. Auf die Frage einer ebenfalls aus dem Süden der Republik stammenden Freundin, ob ich mir in den A…beißen könnte oder ob ich mich in den Arsch beißen könnte, nahm ich mir zunächst eine kurze Bedenkzeit. Dann entschied ich mich für die Formulierung mit Akkusativ, also ich könnte mich in den Arsch beißen.
Wohl habe ich mich damit allerdings nicht gefühlt und am nächsten Tag, wie gewöhnlich, Rat bei meinen nicht-süddeutschen Kollegen gesucht und leider nicht gefunden. Gefühlsmäßig tendierten in der kleinen nicht-repräsentativen Umfrage alle zum Dativ, aber niemand konnte sagen, warum. Theoretisch sollte hier ein Akkusativ stehen, weil man ohne genauere Ortsangabe (in den Arsch) jemanden beißt, also ich dich oder du mich. Allerdings sind den Kollegen noch eine Reihe anderer Formulierungen eingefallen, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren, alle entstammen aber einem nicht formellen und eher brutalen Sprachmillieu: „Ich hau dir in die Fresse; „Ich trete dir in den Arsch.“.
Grammatiken und Wörterbücher halfen mir auch nicht weiter, da sie sich meist mit formelleren Ausdrucksformen beschäftigen. Eine Erklärungsidee brachte das Kollektiv des Lehrerzimmers dann doch noch hervor: Es handelt sich bei mir ja um eine Person, und Personen stehen oft im Dativ, wenn Sie nicht handeln, also nicht Subjekt sind. OK, alles klar, aber ich frage ja dich, wenn ich etwas nicht verstehe und nicht dir, es sei denn ich bin Berliner. Ich könnte mir in den Arsch beißen, es muss doch eine Erklärung geben. Hinweise werden entgegen genommen.
Angelika Maier ist seit 2004 bei PROLOG. Sie kommt aus Baden-Württemberg, ganz genau aus Lauterburg. Sie sucht noch vergebens nach einer überzeugenden Erklärung für die oben genannten Beispiele.
Because of my southern German origin, I feel quite insecure when it comes to my feeling for the language. My childhood in Baden-Württemberg — where they say “Die Frau, die wo neben mir wohnt” or even shorter “Die Frau, wo neben mir wohnt”, or where “der Butter” is on the breakfast table and a person “gesessen ist” — has forced me to continually question my own use of the language (Is that really how you say it?) and to seek advice from my non-southern German colleagues.
With this in mind, it’s no wonder that I am very aware of my own mistakes. When I heard the question from a fellow southern German friend of mine about whether one says “ich mir in den Arsch beißen könnte!“ or “ich mich in den Arsch beißen könnte”, I had to take a moment to think about it. Then I decided on the accusative form, therefore I could “mich in den Arsch beißen”.
But I didn’t feel right about this and once again sought the advice of my non-southern German friends, but in vain. Going only on their feelings, everyone in my small survey tended towards the dative variation, but no-one could say why. In theory, the accusative should be used in this situation, because there is no specific geographic reference (in den Arsch) jemanden beißt, also ich dich oder du mich”. Of course, my colleagues came up with a lot of other formulations that follow the same principle, but all of their examples are rather colloquial, if not down-right brutal… “Ich hau dir in die Fresse”; “Ich trete dir in den Arsch”.
Grammar books and dictionaries weren’t of any help either, since they are mostly concerned with formal expressions. Then my colleagues in the teachers’ room came up with an explanation: Because “mir” deals with a person, and persons are often in the dative when they are not active, and therefore not the subject. OK, sounds good, BUT “ich frage ja dich” if I don’t understand something and not “dir” unless you’re a Berliner. “Ich könnte mir in den Arsch beißen”, there has got to be an explanation. Any help will be gladly accepted.
Angelika Maier has been working for PROLOG since 2004. She orginally comes from Baden-Wurttemburg, specifically from Latuerburg. She continues to search for a convincing answer to her linguistic dilemma.
