International House Berlin - Newsletter

Die Zeit vor davor / The Time Before

Past PerfectMontagmorgen, 07.30 Uhr. Wie ferngesteuert mache ich, auf dem Weg zur Arbeit, am Backstand meines Vertrauens Halt. Das Wochenende noch in den Knochen bringe ich den Kauf eines mit Käse belegten Kürbiskernbrötchens halbwegs passabel über die Bühne, als mich die Stimme der Bäckereifachverkäuferin jäh aus meiner dösigen Stimmung reißt: „Zeigense mir nochma die Tüte. Ich hab’ da ‘n Loch gesehen gehabt.“ – „Wie bitte?“ – „Ein Loch.“


Ein Loch, ein Loch – ‚Wie ist es möglich, dass die freundliche Verkaufskraft durch meinen Schädel sieht?’, schießt es mir durch eben jenen, in dem sich aufgrund ihrer Äußerung  besagtes Loch mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitet. Röntgenaugen? Ich trete vorsichtshalber ein paar Schritte zurück, drehe mich langsam um und setze zügig meinen Weg fort. Jetzt besser keinen Blick zurück. Die Frau ist unheimlich. Nicht nur, dass sie offensichtlich über übernatürliche Fähigkeiten verfügt, sie scheint obendrein in einer komplett anderen zeitlichen Dimension zu leben.


„Ich habe gesehen gehabt.“ oder sogar ,,Ich bin gegangen gewesen.“ Was bedeutet das? Wann hat sie etwas gesehen? Vielleicht schon vorige Woche? Wo? Und wie, vor allen Dingen? So langsam dämmert mir, ich bin einer bisher unentdeckten, verschwenderischen Zeitform des Deutschen auf der Spur. Zwei verschiedene Partizipien hintereinander und sogar ein Hilfsverb, das kann sich nicht jeder leisten. (Ich denke kurzzeitig über einen Jobwechsel ins Bäckereihandwerk nach.) Ist das endlich die Zeitform, die uns in unserer rückwärtsgewandten Gesellschaft gefehlt hat? Die Vergangenheit vor der abgeschlossenen Handlung in der Vergangenheit? Eine Art Super-Plusquamperfekt oder ja … Plusplusquamquamperfekt (PPQQP).

 
Schon seit längerem beobachte ich einen vermehrten Gebrauch von Präteritum („Ich wollte mal fragen, …“) und Plusquamperfekt („Ich war gewesen.“), die meiner Meinung nach die Sehnsucht der Sprecher nach einer längst vergangenen, friedlichen, wunderbaren Epoche ausdrücken. Noch vor einigen Jahren hätten diese Aussagen zumindest unüblich, wenn nicht gar falsch geklungen. Jetzt muss die Sprachwissenschaft erkennen, dass das Heute gestern gewesen war und das Gestern vorgestern usw. und insbesondere, dass das Perfekt nicht perfekt genug gesollt gewesen wäre, um diese Verhältnisse zu beschreiben.


Somit zum Schluss eine Aufforderung an alle Linguisten: Erfindet den Konjunktiv III.

 

Spiegelartikel dazu.

 

Loch gewesenMonday morning, 7:30 a.m. While walking around in auto-mode, I made my way to my favorite bakery. Though I was still reeling from the weekend, I made a decent show and ordered a pumpkin-seed roll with cheese on top. Suddenly, the voice of the baker shocked me out of my stupor when she asked, “Let me see your bag again. Ich hab’ da ‘n Loch gesehen gehabt." (I “have had seen” a hole.) I answered, “Excuse me.” She responded, “A hole.” I was so stunned by her use of this unusual verb tense that I couldn’t respond. I then carefully took a couple of steps back, slowly turned around and continued on my way with haste, not looking back. What an uncanny baker! Not only did she obviously have supernatural powers, she seems to live in a completely different dimension of time. 


"Ich habe gesehen gehabt" (I have had seen) or even "Ich bin gegangen gewesen" (I was been gone). What does that mean? When did she see something? Maybe already last week? Where? And, primarily, how? Slowly it dawned on me, I was on to a previously undiscovered, wasteful German verb tense. Two different participles one after another and even an auxiliary verb; not everyone is capable of this feat. Is this finally the verb tense that our backwards-looking society has been missing? The past before the past of a finished action. A kind of super past perfect or even…a past past perfect.


I’ve been noticing an increasing use of the past tense for some time now (“Ich wollte mal fragen…”) and the past perfect (“Ich war gewesen…”), which, in my opinion, expresses the longing of the speaker for a distant, peaceful, wonderful epoch. A couple of years ago, this kind of statement would have sounded unusual if not plain wrong. Now linguists have to recognize that today had been yesterday and yesterday the day before, etc. and especially that the perfect had not been perfect enough to describe these relationships in time.


 

So finally, a challenge to all linguists: invent the Subjunctive Perfect.

 

Jody Wohlmann arbeitet bei IH Berlin PROLOG seit 2004. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Unterricht von DaF und der Organisation der Kurse. Außerdem ist sie die Modern Language Coordinator bei IH World. Sie trägt immer Grün und interessiert sich für amerikanische Action-Serien aus den 70er.

 

Jody Wohlmann has been working at IH Berlin PROLOG since 2004. She’s mostly active in teaching German as a Foreign Language and in organising courses. Additionally, she is the Modern Language Coordinator at IH World. Green is her favourite colour and she’s fascinated with American action TV series from the 70s.