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Schwach oder stark / Weak or strong

Der folgende Artikel beschäftigt sich mit Verben, bei denen es zwei konkurrierende Formen im Präteritum und beim Partizip Perfekt gibt. „Er hat den Brief an seine Eltern gesendet.“ , „Er hat den Brief an seine Eltern gesandt.“ – Welche Verbform ist korrekt und warum gibt es zwei Formen?


The following article is about German verbs that have two forms in the Simple Past and the Past Particple. For example, the difference between "gesendet" and "gesandt." Which verb form is correct and why are there two forms? Because of the fine linguistic differences described in the text, only the German version is given here...

 

 

Brothers GrimmBerlin, 1839. Ein Arbeitszimmer.

 

- Wilhelm, das Zimmer betretend: „Jacob,  ich habe neue Zitate bekommen. Gymnasiallehrer Müller aus Kassel hat sie gesendet.“
-Jacob: „Zu welchem Stichwort? Schließe bitte die Tür, sonst fliegen mir die ganzen Notizzettel um die Ohren. Und außerdem: es heißt „gesandt“!“
- Wilhelm: „Biermörder“. Wieso „gesandt“? Man sagt doch auch „gewendet“!“
- Jacob: „Nein, mein Bruder. Die Konjugationsreihe lautet „wenden - wandt – gewandt“. Du benutzt die schwache Konjugation aber Du musst den Rückumlaut verwenden. Bei „wenden“ gilt der Rückumlaut, ebenso bei „senden“.
- Wilhelm: „Rückumlaut??? Ha, langsam, langsam. Bei Mörike steht „gewendet“! Sprache lebt eben!
- Jacob: „Wem sagst Du das! Schließlich habe ich erstmals die •Germanische Lautverschiebung vollständig beschrieben, Du erinnerst dich: „p,t,k“ wird „f,th,h“ also  lateinisch „pater“ wird englisch „father“ oder deutsch „Vater“, lateinisch „tres“ wird englisch „three“ … das Germanische trennt sich vom Indogermanischen.“

- Wilhelm: „Ja, ja. Aber was ist nun mit „senden“ und „wenden“?

- Jacob: "Ich sagte bereits: Rückumlaut! Eigentlich schwache Verben mit einem kurzen Vokal, z.B. brennen, (wir sprechen ja "br_ä_nnen"), erscheint im Präteritum kein Umlaut - "brannte"."

- Wilhelm: "Aha. "wenden"/"senden" sind Verben mit Rückumlaut. Es sind schwache Verben, die im Präteritum entweder regelmäßig "sende_te_" oder mit Rückumlaut "sandte" gebildet werden. Und welche Form gebrauchen unsere größten Dichter und Sprachkenner?

- Jacob: „Wenn ich mir hier die Belege in unseren Manuskripten für das Wörterbuch der Deutschen anschaue, hm, beide, tatsächlich: beide! Es gab schon immer beide Formen, also: „wenden – wandte/wendete – gewandt/gewendet“ und „senden – sandte/sendete – gesandt/gesendet“. Bei idiomatisierten Wortgruppen oder bei der Nominalisierung darf aber nur die lexikalisierte Form gewählt werden.“
- Wilhelm: „Verstehe ich nicht …“
- Jacob: „Ein Botschafter wird manchmal auch der „Gesandte“ genannt, „der spanische Gesandte in Berlin“, zum Beispiel. Hier darf man NICHT zwischen stark und schwach wählen: „der Gesendete“ ist falsch.
- Wilhelm: „Selbstverständlich! Also heißt es „der gewandte Mann“ (ein Mann, der sich korrekt und geschickt agiert, ein Mann, den die meisten Frauen mögen), nicht „der gewendete Mann“. Hier könnte aber auch das alte Verb „gewenden“ eine Rolle spielen …“
- Jacob: „Interessante Idee, Wilhelm!, sehr interessant. Aber bis zu den Buchstaben „G“ und „W“ ist  noch Zeit. Erstmal die Literaturzitate zum „Biermörder“ …


PS. Wilhelm Grimm starb am 16. Dezember 1859; Jacob Grimm am 20. September 1863 beim Abfassen des Artikels »Frucht« des •Deutschen Wörterbuches. Beide wurden auf dem alten •St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg beerdigt. Ihre Bibliothek kann in den Bibliotheksräumen der •Humboldt-Universität Berlin besichtigt werden.

 

PS: Wilhelm Grimm died on 16 December 1859; Jacob Grimm on 20 September 1863 while composing the entry for  »Frucht« for the  •Deutschen Wörterbuch. Both are buried in the old •St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg. Their library can be seen in the library rooms of the •Humboldt-Universität in Berlin.

 

Quellen/Sources:
1. Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 1854-1960.
2. DUDEN: Richtiges und gutes Deutsch.
3. DUDEN: Die Grammatik. 7. Auflage, 2005.

 

Joachim ist ein Deutschlehrer bei PROLOG und hat Germanistik und Slavistik an der •Georg-August-Universität Göttingen und der •Jagiellonen-Universität Krakau/Krakow studiert. Nach seinem Studium hat er in der Arbeitstelle Göttingen des •Grimmschen Wörterbuchs gearbeitet. Danach war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Allgemeine und Indeogermanische Sprachwissenschaft der Universität Göttingen tätig. Anschließend arbeitete Joachim als Dozent an der •Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn/Torun. Seit 2004 unterrichtet Joachim Deutsch als Fremdsprache bei PROLOG. Außerdem koordniniert er bei PROLOG die Arbeiten des •EU-Projekts TRIALOG.

 

Joachim is a German teacher at PROLOG and studied German and Slavic Studies at the •Georg-August University at Göttingen and the •Jagiellonen University at Krakau/Krakow. After completing his studies, he worked in Göttingen on the •Grimm Dictionary. Afterward, he was active as a academic at the university for General and Indoeuropean Linguistics at the University of Göttingen. He also worked as a professor at the •Nikolaus-Kopernikus-Universität Thorn/Torun. Joachim has been teaching German as a Foreign Language at PROLOG since 2004. He also coordinates the •EU project TRIALOG at PROLOG.